200 Jahre Müller & Gräff
Ein Auszug aus der Firmenfestschrift von Prof. Dr. Willi A. Boelcke
Als die beiden miteinander verschwägerten Buchbindermeister Philipp Friedrich Müller
(1771-1844) und Gerhard Gräff (1774-1825) im Jahre 1802 in ihrem Hause in Karlsruhe
Zähringer Straße 96 unter dem Firmennamen "Müller & Gräff" eine Buchbinderei mit
Leihbibliothek eröffneten, stand die Geschäftsgründung offenbar unter einem guten
Stern. Die Anerkennnung als Hofbuchbinder folgte bereits 1808. Bereits im Jahr
nach der Geschäftsgründung erweiterte sich die Firma zur Buchhandlung.
Für die junge Buchhandlung Müller & Gräff gegenüber dem alten Gymnasium und der
Realschule bildeten die Schuljugend und christliche bürgerliche Kreise die Hauptkunden,
der Vertrieb und das Binden von Schulbüchern die tragende Säule des Geschäfts. Die
Frequenz der beibehaltenen Lese- und Leihbibliothek zeugte auch davon, daß sich
damals ein größerer Leserkreis nicht den Erwerb von Büchern leisten konnte. Das
Buch war noch über Jahrzehnte in Deutschland wegen des geringen Absatzes verhältnismäßig
teuer, so daß es nicht von breiten Schichten des Volkes gekauft werden konnte.
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Während der schweren Krise von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft trug zwischen
1844 und 1850 Gerhard Gräffs Sohn Karl Hermann (1815-1850) die schwere Bürde der
Verantwortung für die Firma. Nach seinem frühen Tod übernahm seine Frau Luise
Gräff, geb. Peter, mit viel Geschick und großer Tatkraft die Führung des Unternehmens
für ihren unmündigen Sohn. Außerdem war sie durch ihr soziales Engagement (u.a.
im Frauenverein) hochangesehen in Karlsruhe, inzwischen eine Stadt mit knapp
25.000 Einwohnern. Sie erwarb sich das Vertrauen der seit 1856 mit Großherzog
Friedrich verheirateten Großherzogin Luise, Prinzessin von Preußen, Tochter des
späteren Kaiser Wilhelms I. Ihren Sohn, den künftigen Firmenchef,
schickte Luise Gräff zur Lehre in die Schweiz, wo er den Buchhandel bei
K. F. Steinheil in Biel und in der Detleff`schen Buchhandel bei K. F. Steinheil in
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Luise Gräff
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Biel und in der Detleff`schen Buchhandlung in
Basel gründlich erlernte. Wilhelm Gräff (1842-1920) übernahm 1866 von seiner
Mutter (+1894) das Geschäft. Luise hinterliess ihrem Sohn eine Buchhandlung,
die damaligen modernsten Ansprüchen genügte.
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Wilhelm Gräff
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Als 1870 in Karlsruhe ein neues Schulviertel zwischen Stephanienstraße und dem
Hardtwald nahe der Kunstakademie entstand, eröffnete Wilhelm Gräff sogleich an
idealem Buchhandelsstandort Ecke Seminar- und Bismarckstraße eine Filiale und
sicherte so der Firma die starke Kundennachfrage der dortigen Schulen und
Fachhochschulen. Haus und Garten entwickelten sich zu einem Treffpunkt der
Karlsruher Geisteselite. Eine zweite Filiale bestand zeitweilig am Kaiserplatz.
Das Haus der Gründergeneration in der Zähringer Straße verkaufte Wilhelm Gräff
nach dem Tode seiner Mutter, um das Hauptgeschäft ins Geschäftszentrum von Karlsruhe,
in die Lange Gasse (heutige Kaiserstraße) nahe Markt und Rathaus zu verlegen.
Aus der Schülerperspektive des späteren Volksschriftstellers Emil Frommel (1828-1896)
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erschien Wilhelm Gräff als ein geradezu klassischer Schulbuchhändler. Andere
Zeitgenossen schätzten ihn als einen im Beruf und im täglichen Leben stets für
Land und Leute engagierten Mann, sahen ihn als Mitbegründer des Badischen
Schwarzwaldvereins und der Karlsruher Sektion des Deutsch-österreichischen
Alpenvereins.
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Bereits 1913 übergab Wilhelm Gräff die Firma seinem Sohn Armin Gräff (1884-1954).
Sein Gehilfenzeugnis "als ehrenwerter, tüchtiger und brauchbarer Buchhändler" hatte
Armin Gräff 1904 von der J.C. Hinrichschen Buchhandlung in der Buchhandelsmetropole
Leipzig erhalten. Anschließend praktizierte er in Turin und in der Schweiz, unternahm
ferner Auslandsreisen, die ihn bis nach Afrika führten, um dann 1906 ins väterliche
Geschäft einzutreten. Eine ganz neue Gewichtung und neues Ansehen verschaffte Armin
Gräff der Firma durch den Neuaufbau des Antiquariats. Dadurch sicherte er wesentlich
die Zukunftsfähigkeit der Firma.
Die Zeiten waren schwer für Armin Gräff. Seit der November-Revolution 1918 führte
eine ganze Kette von Ereignissen zu einem wirtschaftlichen Niedergang der badischen
Landeshauptstadt
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Armin Gräff
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Karlsruhe. Dennoch hat sich neben der "Ausstellungsstadt" Mannheim
die Akademiestadt Karlsruhe während der Weimarer Republik zum wichtigsten künstlerischen
Zentrum Badens entwickelt.
Doch bei Armin Gräff reifte der Entschluss, den Firmensitz in die württembergische
Metropole, die “Stadt der Bücher", mit damals rund 375.000 Einwohnern bedeutend
größer als Karlsruhe, zu verlegen. Informationsgespräche mit maßgebenden Stuttgarter
Persönlichkeiten wurden geführt. Schließlich verkaufte Armin Gräff 1930 sein Haus am
Karlsruher Marktplatz und verlegte die Sortimentsabteilung in die Kaiserstraße
gegenüber der Hauptpost. Das Antiquariat aber siedelte nach Stuttgart zum neuen
Firmensitz zunächst in der dortigen Lange Straße 6 um.
Im stürmischen Krisenjahr 1931 verkaufte Armin Gräff seine Buchhandlungen in Karlsruhe
bei der Hauptpost, in der Seminarstraße und in Durlach.
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Auch die Resultate der Versteigerungen von umfangreichen Bibliotheken durch Müller &
Gräff in Stuttgart bestätigten das vorhandene bibliophile Interesse. Einen durchschlagenden
Anfangserfolg erbrachte die Versteigerung der Bibliothek des Juristen Leopold Hirschberg
am 5. Mai 1931 im Hotel "König von Württemberg", in der Folgezeit die Versteigerungen der
wertvollen Sammlungen des evangelischen Theologen und Kirchenhistorikers Hans von Schubert
(1859-1931), ferner des Heidelberger Kunsthistorikers Karl Neumann (1860-1934) und des
Literaturhistorikers und Genealogen HannsWolfgang Rath (1880-1934), darunter große
Bestände von Mörike und des schwäbischen Dichterkreises.
In späteren Katalogen wurden die kostbaren Büchersammlungen des Direktors des Badischen
Generallandesarchivs Dr. Karl Obser (1860-1945) und des Literaturhistorikers Rudolf
Krauß (1861-1944) angeboten
und stark beachtet.
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Wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges mußte bei Nr. 57 die Herausgabe der
vielgefragten Antiquariatskataloge unterbrochen werden. Sie wurde 1949 wieder
regelmäßig aufgenommen.
In den Julitagen 1944, unmittelbar nach dem Attentat auf Hitler, erlebte Stuttgart
die schwersten Bombenangriffe der Engländer und Amerikaner, die insbesondere in der
historischen Innenstadt überall rauchende Trümmer hinterliessen. Haus und Geschäft
der Firma Müller & Gräff überdauerten die Feuerstürme, wurden bereits im März 1944
durch das rasche Eingreifen der Feuerwehr vor der Vernichtung gerettet.
Als Armin Gräff nach schwerer Operation 1954 in Karlsruhe verstarb, schilderte ihn
das "Börsenblatt" als einen geistigen, musikalischen Menschen von tiefer Religiosität,
der sowohl unter dem Verlust von zwei Söhnen im Zweiten Weltkrieg als auch unter dem
Total-Bombardement seines Wohnhauses in der Karlsruher Bismarckstraße sehr gelitten
hatte.
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Bertold Gräff im Laden Calwer Straße
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Nach längerer Kriegsgefangenschaft war Bertold Gräff (geb. 1924), Sohn des Firmenchefs
Armin Gräff, Weihnachten 1947 ins Elternhaus zurückgekehrt, um schon wenige Wochen
später als Lehrling in die Firma seiner Vorfahren einzutreten. Die Geschäftsleitung
der Stuttgarter Buchhandlung übernahm er nach dem Tode des Vaters 1954 und hatte sie
bis zum 1.1.1996 inne. Ihm oblag die Aufgabe, die Firma nach den schwierigen Jahren
der Kriegs- und Nachkriegszeit den sich wandelnden Marktgegebenheiten der zweiten
Hälfte des 20.
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Jahrhunderts anzupassen. Dazu gehörte u. a. die noch stärkere Akzentuierung
auf das antiquarische Buch sowie der Aufbau einer Abteilung mit alten Stichen, die er
zusammen mit seiner Frau Ilse Gräff zu einer der größten im süddeutschen Raum ausbaute.
In diese Zeit fiel auch u. a. der Erwerb der Schloßbibliothek aus dem hohenlohischen
Niederstetten, die sogenannte "Bibliothek Haltenbergstetten". Bertold Gräff starb an
Karfreitag 2003.
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Als am 1.1.1996 Gunnar Gräff (geb. 1963) die Geschäftsleitung von seinem Vater übernahm,
trat mit ihm die sechste Generation einer erfolgreichen Unternehmerfamilie ein bedeutendes
historisches Erbe an. Die seit 1949 wieder regelmäßig erschienenen Kataloge kommen mit
einer Auflage von mehreren tausend Exemplaren und den Schwerpunkten Geschichte, Theologie,
Philosophie, Kunst, Literatur und Württembergica heraus, jeweils bis zu 4000 Titel
enthaltend. Sie werden in alle Erdteile versandt.
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Seit 1978 präsentiert sich Müller & Gräff an bevor- zugtem Standort in der Stuttgarter
Fußgängerzone Calwer Straße, die sie wesentlich mitprägt. Das fast monumentale vier- stöckige
Haus Nr. 54 im Neuen Stil von 1913 erbaut, war und ist ein Blickfang. Empfangen wird der
Kunde in einem großen Laden- geschäft mit besonderer Atmosphäre, das sich seit einigen Jahren
durch das Mobiliar der 1999 aufge- lösten Stuttgarter Buch- handlung Enderlen in ehe- mals
denkmalgeschütztem Interieur präsentiert. Schau- fensterauslagen, Bücher- tische vor und
im Laden und ein großer runder Tisch laden zum Schmökern und Verweilen ein.
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Das Antiquariat in der Calwer Straße
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